VERSCHIEDENE DOCUMENTE

Eine Ordensfamilie mit Zukunft
nach 700 Lebensjahren
Brief des Generalpriors
an alle Brüder und Schwestern
der Ordensfamilie der Serviten
anlässlich des 700-Jahr-Jubiläums
der definitiven Anerkennung des Ordens
(Bulle Dum levamus von Benedikt XI., 1304-2004)
Ave Maria
Als ich gebeten wurde, schriftlich einige Gedanken zum Thema: "Die Serviten, ein lebendiger Orden nach 700 Jahren" festzuhalten, musste ich unmittelbar an einen anderen Titel denken, nämlich: "Eine Familie, die Zukunft hat", also an eine Realität, die nicht nur atmet und dahinlebt, sondern vielmehr Zukunft hat, die voranschreitet, kämpft, glaubt, schwitzt, Hoffnungen und Träume hat, wenn auch – klarerweise – mit ihren Schwierigkeiten, mit ihrer statistischen Situation und den konkreten Problemen. Auf diesen Seiten möchte ich – nach zwei Jahren meines Dienstes als Generalprior dieser kleinen und doch großen Familie – versuchen, mit Euch einige Überlegungen zu teilen, die ich, so scheint mir, in meinem Amt sammeln konnte: im Lauf meiner Besuche der verschiedenen Jurisdiktionen, bei meiner Teilnahme an allen Provinzwahlkapiteln des Jahres 2003, bei meinen Begegnungen mit den Klausurschwerstern und den Schwestern der Kongregationen, bei den Kontakten mit dem Drittorden, den Säkularinstituten, den Bruderschaften, den Diakonien und den vielen Laien, die mit Freude und Glauben unser Charisma teilen, unsere Spiritualität, unsere "Phantasien" und – warum nicht auch? –unsere Probleme und Misserfolge.
Ich möchte aber gleich klarstellen, dass es mir nicht darum geht, Euch Reflexionen historischen Charakters anzubieten oder mich bei großen und interessanten Themen unseres spirituellen, kulturellen und kirchlichen Erbes aufzuhalten..., sondern ich möchte einfach mit Euch ein wenig „plaudern" über das, was ich gesehen, gehört und erfahren habe, worüber wir Kritik erhalten oder über einige Zeichen der Lebendigkeit und andere Zeichen, die in unseren Gemeinschaften Zeichen des "Todes", aber auch der Möglichkeiten und der Zukunftsperspektiven unserer Ordensfamilie sind.
Wollen wir also sehen, was sich aus all dem ergibt. Es ist meine Intention, dass sich diese Gedanken in einen Rahmen des Glaubens und der Hoffnung einbetten, der Erleuchtung und des Vorwärtsgehens, des Vertrauens und der Brüderlichkeit, der Nähe und der Begleitung Euch allen gegenüber, sodass wir alle gemeinsam weiter bauen und vorwärts gehen können, unterscheiden und konkretisieren, sehen und urteilen, vor allem aber die Projekte verwirklichen, die der Herr für alle Brüder und Schwestern der Diener Mariens gezeichnet hat und für die die Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft einen Grund des Stolzes, der Dankbarkeit, der Herausforderung und einer echten und ursprünglichen Teilnahme am Heilsplan Gottes darstellen.
1. Der Stolz eines Charismas
Ein konstantes Thema, das auch von unseren grundlegenden geschichtlichen und historischen Dokumenten ausdrücklich wiederholt wird, ist gewiss die Feststellung und Überzeugung, dass unser Erbe von höchstem Wert und größter Aktualität ist. Ich persönlich habe nie daran gezweifelt. Das Charisma der Familie der Diener Mariens, das mit unseren ersten „Brüder-Vätern" geboren wurde, ist eine sehr wertvolle Perle. Es besteht kein Zweifel - wie auch die Theologie des gottgeweihten Lebens bekräftigt -, dass jedes Charisma eine Gabe des Geistes ist, die die Kirche bereichert. Unser letztes Generalkapitel (2001) hat dies erkannt, wenn es von den Prioritäten des Weges unseres Ordens für die Jahre 2001-2007 spricht (vgl. Gen.kap. 2001, Texte, Nr. 13).
Fragen wir uns also: Wir, die wir dieses Erbe erhalten haben, was machen wir mit ihm? Wie teilen wir es? Was unternehmen wir, um es bekannt zu machen? Manchmal geben wir den Eindruck, als wüssten wir nicht, was tun, oder als hätten wir Angst, etwas zu machen; wir geben den Eindruck, es sei schwer, etwas in die Wege zu leiten, oder dass uns die Kräfte dafür fehlen; dass wir nicht die Mittel hierfür haben oder dass wir meinen, andere müssten diese Aufgabe machen. All dies kann uns in eine antriebslose Resignation oder in eine unbegründete Angst vor dem Risiko führen, in die Gleichgültigkeit oder Passivität, in eine „ängstliche Demut" oder in den Rückzug in die Gemütlichkeit unseres eigenen, doch so „süßen" Heimes.
Ich glaube, dass uns die Feier des 700-Jahr-Jubliäums der Anerkennung unseres Ordens seitens des Papstes Benedikt XI. am 11. Februar 1304 Anlass sein sollte, über diesen glücklichen Moment unseres Ursprungs nachzudenken, über diesen großartigen Moment für unsere Ordensfamilie. Ich denke an unsere ersten „Brüder", an ihre Gelehrsamkeit gegenüber der Stimme des Geistes, der sie ganz unerwartete Wege führte; mir kommt ihre zärtliche und doch so feste Liebe zu Maria in den Sinn, die sie als ihre Mutter auserkoren haben, als Weggefährtin und Lehrmeisterin bei ihrer Suche nach Gott und bei ihren Begegnungen mit den Mitmenschen. Wie könnten wir nicht an ihren Weg der Ausbildung und des Reifens denken in der Einsamkeit des Monte Senario, wo sie sich selbst gestorben sind, um dann als spirituelle Menschen wiedergeboren zu werden, ganz Gott und der Kirche hingegeben. Ich denke an ihren Aufstieg auf den Berg und an ihren Abstieg als glaubwürdige Zeugen der „Dinge von oben" und der „Dinge von unten", als authentische „Erzähler" des Evangeliums des Friedens und der Barmherzigkeit. Ich denke an ihre Freundschaft, die so sehr verband, und an ihre große Einheit, die weit mehr als eine sterile Uniformität war. Indem sie „ein Herz und eine Seele waren", ganz auf Gott hin ausgerichtet, haben sie einen seltenen Traum der Kirche verwirklicht: als Gemeinschaft alle zusammen heilig zu sein. Vielleicht ist gerade dies heute eine Herausforderung, der wir uns stellen sollten. Unsere Identität ist weit mehr als eine abstrakte Idee, die jahrhundertelang fortdauert. Unsere Identität ist eine Weise zu sein, zu leben, zu lieben, zu weinen, zu kämpfen, zu glauben, zu hoffen, zu teilen, zu segnen. Unsere Identität ist das Leben und wir dürfen erst dann stolz sein über unser Charisma, wenn wir Leben stiften und fördern. Tun wir dies nicht, dann - anstatt stolz über ein Charisma und Erbe zu sein - verfälschen wir den Sinn unseres Lebens als Diener Mariens, und zwar Diener dessen zu sein, was am heiligsten ist, nämlich des Lebens.
2. Zeichen der Lebendigkeit und des Neuen
Vor einigen Wochen, als ich einen Fragebogen ausgefüllt habe zur Vorbereitung des Internationalen Kongresses über das gottgeweihte Leben, der im November 2004 stattfinden wird, hatte ich die Möglichkeit, über einige Aspekte des gottgeweihten Lebens ganz allgemein nachzudenken. Im Fragebogen war von Herausforderungen und Möglichkeiten die Rede, von Anzeichen von Neuem und Lebendigem, vom Ordensleben und von der Zukunft, von Hindernissen usw. Zweifelsohne muss ich eingestehen, dass ich beim Schreiben der Antworten, die mehr allgemeinen und globalen Charakters waren, auch ganz konkret an die Ordensfamilie der Diener Mariens gedacht habe. Es war eine zweifache Gewissenserforschung, die mich vor Fragen gestellt hat, vor denen ich eigenartigerweise ein Gefühl der Ohnmacht empfinde und doch zugleich auch ein starkes Gefühl der Hoffnung. Das Geschenk unserer Berufung ist sicher ein Geheimnis, und dieses Geheimnis wird nur dann sinnvoll, wenn es dem Ruf Folge leistet, Träger des Lebens zu sein in der Gesellschaft und in der Kirche, des Lebens in all seinen Formen.
Wiederum musste ich an unsere Ursprünge denken, an die Figur des Philippus Benitius, dessen ganzer Einsatz der "Rettung" des Ordens galt, um ihm Leben zu geben. Er war ein würdiger Jünger unserer ersten „Brüder-Väter", von denen er die Demut und Heiligkeit im Leben übernahm, den Geist der Buße und den apostolischen Eifer. Philippus lehrt uns, dass uns die Heiligkeit nicht von der Welt trennt und uns nicht von den irdischen Angelegenheiten entfernt. Er war imstande, seine Einheit mit Gott in der Begegnung mit den Armen zu leben, im Dienst an seinen Brüdern, im Lösen der Probleme unseres entstehenden Ordens. Er war überzeugt, dass die wahre Weisheit aus langen Zeitabschnitten der Einsamkeit, des Gebetes und der Meditation erwächst, ja, aus der Suche nach Gott.
Was können wir von den anderen sagen, von Peregrin, von Joachim und Franz von Siena, von Bonaventura von Pistoia, von Ubaldo von Borgo Sansepolcro, von Jakob de Villa (dem Almosengeber) - von dem wir heuer, 2004, den 700. Todestag begehen und der aufgrund seines Einsatzes für die Rechte der Armen ermordet worden ist -; oder von Juliana und all den anderen Jüngern, deren Heiligkeit deutlich macht, dass wir uns noch vor all den Schwierigkeiten, die sich aus den geschichtlichen Umständen ergeben und die manchmal unüberwindbar scheinen, auf eine solide und optimistische Suche nach Gott begeben müssen; von dieser Suche wird die Zukunft unserer Ordensfamilie abhängen.
Ausgehend von unseren Ursprüngen, können wir als Antworten auf die Frage nach möglichen Zeichen der Lebendigkeit, die ein altes Charisma in der modernen Welt von heute haben kann (diese Frage ist meine, aber auch der ganzen Ordensfamilie), folgende unterstreichen: die Solidarität, aufgefasst als Einfachheit des Lebens und als aufmerksam Sein auf die Welt, die uns umgibt; der ehrliche Wunsch, unser gemeinschaftliches Leben (Brüderlichkeit und Freundschaft) neu zu bewerten; die Treue in der Suche nach Gott und gegenüber seinem Wort, dem Gebet und der Stille; der Einsatz für die Ärmsten, für die Ausgebeuteten, für Gerechtigkeit und Frieden; die gemeinsam mit den Laien verrichtete Arbeit; die Welt der Kultur, des Studiums, der Forschung; das Sich-den-Jugendlichen-Nähern; die Inkulturation usw. In der Zeit unserer Ursprünge begegnen wir zahllosen Beispielen, die uns erleuchten können, wenn es darum geht, all dies umzusetzen.
3. Qualität des gemeinschaftlichen Lebens
Es geht nicht nur darum, von „Säulen" zu reden, von Identität oder Instanzen, oder darum, der klassischen Dreiheit von Brüderlichkeit, marianischer Ausrichtung und Dienst - hierin identifizieren wir uns oft und stellen uns damit vor - andere Werte hinzuzufügen, etwa Barmherzigkeit, Gerechtigkeit, kulturelle und intellektuelle Ausbildung, den „Weg der Schönheit" usw. Es geht vielmehr ganz grundlegend um Kohärenz, Glaubwürdigkeit, Erfahrung, Glauben, Überzeugungen, Integration von Neigungen und konkretem Diensteinsatz, von Wort und Leben, von Vorschlag und Zeugnis.
Ich erinnere mich, wie vor einigen Jahren viel von der Neubestätigung unserer Ordensweihe und der Neuqualifizierung unseres Dienstes die Rede war; von der Notwendigkeit zu wissen, von wo wir ausgehen, um zu wissen, wohin wir gelangen wollen. Wir sind uns bewusst geworden, dass „unsere Ichs" und „unsere Wirs" in ihrer Realität und Idealität auf den Punkt der Begegnung hinzielen müssen, und sich nicht in einer andauernden Suche verlieren dürfen, die nutzlos und leer ist. Heute sind wir überzeugt, dass die Qualität des gemeinschaftlichen Lebens wachsen muss. Das Generalkapitel und die beiden letzten Versammlungen der Provinziäle mit dem Generalkonsilium haben dies mit Nachdruck betont. Der Dialog, das Konventkapitel, die Kollegialität, die persönlichen und gemeinschaftlichen Projekte müssen diese Qualität des gemeinschaftlichen Lebens fördern. Es macht nichts aus, ob unsere Gemeinschaften aus älteren oder jüngeren Brüdern bestehen, ob sie in pfarrliche oder in andere Realitäten integriert sind, ob sie modern oder traditionell sind. Wir wollen zufriedene und erfüllte Menschen, begeisterte und zukunftsorientierte Brüder, kritische und solche, die Willens sind, vorwärts zu gehen. Wie traurig ist es doch, dem Jammern von unzufriedenen und „alles krank redenden" Gemeinschaften zuhören zu müssen, die aufgegeben und sich „gemütlich zur Ruhe gelegt" haben. Fast möchte ich sagen, dass sie den Grund ihrer Existenz verloren haben, ihre prophetische Dynamik, ihre authentische marianische Ausrichtung, die auf ein „Ja" gründet, auf ein „Es geschehe", das zuallererst Verfügbarkeit und Offenheit gegenüber dem Willen Gottes bedeutet.
Die Qualität des gemeinschaftlichen Lebens begegnet Hindernissen, die es zu bekämpfen gilt, so z.B. dem „Alles-schlecht-Machen", das nur Verwirrung stiftet, Vorurteile sät, Hoffnung auslöscht; ein Mitbruder, der alles krank redet oder schlecht macht, ist kein Segen für die anderen (segnen heißt auf Lateinisch „benedicere" = Gutes sagen). Bevor wir reden und kritisieren, müssen wir uns über das Fundament unserer Worte Rechenschaft geben, über ihre Güte und Nützlichkeit. Wir müssen das Lästern und schlecht Reden sein lassen. Wir müssen auf das bestehen, was uns verbindet, auf die Gruppenarbeit, auf die gemeinsamen Ziele, auf das gegenseitige Vertrauen. Die Zukunft unseres Ordens liegt in den Gemeinschaften, denn sie sind es, die unser Charisma weiter tragen, unseren Lebensstil widerspiegeln, unsere Ordensfamilie repräsentieren und bezeugen, wer wir sind und was wir tun. Gerade durch überzeugte und glückliche Gemeinschaften wird unsere Ordensfamilie bekannt. Sie sind für die Welt von heute und für die Menschen, die um uns herum leben, das greifbarste und verständlichste Zeichen der Lebensform der Serviten. Im Schoß unserer Gemeinschaften - so sagen unsere Konstitutionen (Art. 10) - leben wir die Suche nach brüderlicher Freundschaft, in der Gabe und Annahme eines jeden, samt seinen Stärken und Schwächen. Die Ehre Gottes ist nicht nur der lebendige Mensch, sondern auch die Gemeinschaft, die lebt und die mit Treue geliebt wird, in frohen und traurigen Stunden. Und diese Gemeinschaft ist der Ort, wo wir einmütig und einträchtig im Gebet leben, im Hören auf das Wort Gottes, im Brechen des eucharistischen Brotes und des Brotes, das wir mit unserer Hände Arbeit verdient haben.
Nochmals denke ich an die Anfänge unserer Ordensfamilie. Die Anerkennung des Ordens stellt für uns eine Einladung dar, zu den Wurzeln zu gehen, dorthin, wo das Ideal des Lebens der Diener der seligen Jungfrau auf ursprüngliche Weise gelebt worden ist. Es ist eine Einladung, wie die ersten Diener zu sein, den Gott Jesu Christi suchende Menschen; eine Einladung, das Evangelium „sine glossa" zu leben, wie wir besonders dem Generalkapitel 2001 entnehmen. Vor allem die Botschaft des Papstes hat uns eingeladen: „Ja, sucht Christus, sucht sein Angesicht" (Ps 27,8). Sucht ihn jeden Tag von der Morgenröte an (Ps 63,2) und aus ganzem Herzen..., sucht ihn mit der Ausdauer von Verliebten (Hhld 3,1-3), mit dem Staunen des Apostels Andreas (Joh 1,35-39), mit der Hingabe von Maria Magdalena (Joh 20,1-18). Weiters entnehmen wir sie den Dokumenten des Kapitels, die gemeinsam von den Brüdern erarbeitet worden sind, die, aus allen Teilen der Welt zusammengekommen, den Weg des Ordens zu Beginn des neuen Millenniums gezeichnet haben. Unsere Gemeinschaften müssen ärmer werden, solidarischer, weniger arrogant, dem Volk näher, mehr integriert, besser ausgebildet, treuer, kohärenter, radikaler in ihrem Ausgehen vom Evangelium, prophetischer und aufmerksamer auf die Zeichen der Zeit, ökumenischer und kollegialer. Die ersten Gemeinschaften unserer „Brüder-Väter" haben Berufungen angezogen aufgrund der Echtheit ihres Zeugnisses der Heiligkeit und aufgrund der Qualität ihres Gebetlebens und ihres Dienstes. Das ist eine wahre Herausforderung für uns alle, die wir weiterhin dieses Charisma von Brüderlichkeit und Familiensinn lebendig halten wollen.
4. Gemeinschaft mit der ganzen Familie der Diener und Dienerinnen Mariens
Einige Dokumente der Kirche sprechen ebenso wie unser Generalkapitel (2001) vom neuen Millennium als einem Millennium, das sich im Zeichen der „Einheit in Vielfalt" ankündigt, in den Zeichen der Offenheit und der geschichtlichen Kreativität unseres Charismas im Mosaik der unterschiedlichen Wirklichkeiten, die sich innerhalb der Ordensfamilie der Serviten an Maria inspirieren (Texte des Gen.Kap. 2001, Nr. 86). Es ist dies der Moment der Familie; der Moment der Laien. Unsere lieben Sieben waren ebenso Laien. Das gottgeweihte Leben gehört zur charismatischen, laikalen und nicht-hierarchischen Struktur der Kirche. Die zahlenmäßig häufigsten Ausdrucksformen unserer Spiritualität in der Welt sind laikal: der Drittorden, die säkularen Institute, die Schwestern, die Klausurnonnen, die Diakonien, die Freunde und Bruderschaften... werden von Laien gebildet.
Lasst uns etwas sehr wertvolles, was wir besitzen, neu beleben. Dies wird viel Mühe kosten. Manchmal bremsen wir. Es gibt Brüder (Schwestern), die sensibler sind, andere, die es nicht sind. Auch wenn wir davon überzeugt sind, tun wir nichts, sondern lassen andere arbeiten, die, „die sich etwas daraus machen". Ich gestehe Euch, dass ich fest an diese Gemeinschaft glaube und es für dringlich erachte, auf dieser Ebene weiter zu arbeiten. Der letzte Kongress der UNIFASI ist als äußerst positiv für die ganze Ordensfamilie beurteilt worden. Wir haben Zeugnisse und Auswertungen voller Hoffnung gesammelt. Das Generalkapitel hat uns eingeladen, die regionalen UNIFAS neu zu beleben. Einige bilden sich schon neu, andere müssen erst wieder angeregt werden. Die ganze Ordensfamilie ist gefragt, sich stärker einzubringen auf dem Gebiet dieser Formen des Lebens, denn sie sichern Gemeinschaft, Fortbestehen und Dasein der Diener Mariens in der Welt. Mir scheint es dringlich zu sein, jedem den nötigen Freiraum zu gewähren, Mühen und Ideale zu teilen, Freuden und Hoffnungen, die fröhlichen und traurigen Momente in unserem Alltag, ganz so, wie man es in einer großen Familie tut, die voller Charismen und Reichtum ist, voller „Gründer und Gründerinnen", voller Träume und Projekte.
So möchte ich wieder an unsere Geschichte denken, an die Ursprünge, an die ersten Schritte unserer Familie, an den Weg durch die Jahrhunderte. "Das Ideal der Serviten hat im Umkreis unserer Gemeinschaften zahlreiche Familien und Gruppen entstehen lassen oder die dem Orden angeschlossen, die an unserer Berufung teilhaben." (Konst. 5). "In Weiterführung einer alten und lebendigen Tradition bilden die Einder Mariens eine einzige Familie mit jenen Ordensfrauen und den Mitgliedern der Säkularinstitute, mit der ‘Servitanischen Laiengemeinschaft’, die mit ihnen dasselbe Ideal sowie die Verpflichtungen eines dem Evangelium treuen und apostolischen Lebens und die liebende Verehrung der Gottesmutter teilen." (Konst. 305).
Ich lade alle ein, die in den unterschiedlichen Ausdrucksformen unserer Ordensfamilie leben, alle Brüder und Schwestern, die Sensibilität zu fördern und auszubauen, den Bewusstwerdungsprozess und den Einsatz zugunsten einer „Sache", die ganz bestimmt unsere kleinen und engen Erfahrungen übersteigt; zugunsten eines Charismas, das sich in derselben Form des Glaubens zum Ausdruck bringt und in einem charakteristischen Stil, das Evangelium zu leben: Brüder und Schwestern zu sein, die dienen und sich an Maria orientieren; die sich dafür einsetzen, mit allen Kreaturen nur Beziehungen des Friedens, der Barmherzigkeit, der Gerechtigkeit und der aufbauenden Liebe zu haben; die sich bemühen, mit Maria zu Füßen der unzähligen Kreuze zu stehen, um Trost und erlösende Mitarbeit zu schenken; die Diener des Lebens sein wollen und Förderer einer Geschwisterlichkeit ohne Grenzen und eines Familiensinnes, der einer geteilten und individualistischen Welt viel zu bieten hat, einer Welt, die unter der Konfusion und dem Joch des Egoismus und der Gewalt leidet. Eine Familie zu sein bedeutet, sich gegenseitig zu trauen, den Glauben und die Zweifel zu teilen, gemeinsam die hellen Tage und die dunklen Nächte zu leben. Unsere Ordensfamilie, unsere kleine-große Familie, muss in der Lage sein, ihr eigenes Magnificat anzustimmen, im Plural von den herrlichen Dingen zu reden, die Gott in unserem Leben wirkt.
5. Das Risiko des Abenteuers
Wir wissen gut, dass selbst das Evangelium, für sich genommen, ein Abenteuer ist; das wir, als Künder der Frohen Botschaft, bereit sein müssen, dieses Abenteuer zu wagen. Der Diener und die Dienerin Mariens sind Abenteurer, schon allein aufgrund ihres Wesens, nach dem sie sagen, dass Maria für sie Quelle der Inspiration und ihr Leitbild darstellt. Sie sind Menschen des Abenteuers, der vordersten Front, des vorwärts Strebens. Maria hat sich mit ihrem „Ja" auf ein Abenteuer eingelassen, das sie für immer in das „Abenteuer Gott" hineingeführt hat; es war ein „Ja" der Risiken und unbekannten Wirklichkeiten; ein „Ja", das sich in einen langen Weg des Glaubens gewandelt hat; ein „Ja", das sie zum bedingungslosen Dienst angetrieben hat. Diener und Dienerin Mariens zu sein, ohne sich auf das Risiko des Glaubens und des Abenteuers einzulassen, scheint mir ein Widerspruch zu sein. Ich habe Angst vor den Gemeinschaften, die „sich eingerichtet" und fälschlicherweise resigniert haben. Es gibt eine evangelische Resignation, aber es gibt auch die menschliche Resignation, die Ausfluss und Produkt unserer Wohlstands- und Konsumismusgesellschaft ist.
In den letzten Jahren habe ich verschiedene Gemeinschaften gesehen, die das Abenteuer gewählt haben und die zu neuen Welten aufbrechen; Laien und Diakonien, die sich der Herausforderung von neuen Formen des Dienens stellen; Säkular-Gruppen, die neuen Formen der Armut entgegengehen; Brüder, die daran glauben, dass nicht alles aus ist, die nicht an die ars moriendi denken, sondern an den charismatischen Einfluss unseres Servit-Seins, an die Kunst des Lebens in Fülle. Dies ist sehr schön und bedeutsam. Zu Beginn des dritten Millenniums hat uns der Papst eingeladen, auf ein offenes Meer hinauszusegeln, mit Jesus das Risiko des Abenteuers einzugehen. Er hat uns daran erinnert, dass wir nicht nur eine Geschichte zum Erzählen haben, sondern ein Projekt, an dem es zu arbeiten gilt. Er hat uns gesagt, dass uns in der Kirche eine Vorreiterrolle zukommt. In der Botschaft an das Generalkapitel 2001 hat er uns aufgerufen, auf die Zeichen der Zeit zu achten und aufmerksam die Perspektive in Erwägung zu ziehen, einige unserer Aktivitäten aufzugeben, um neuen Aufgabengebieten entgegenzugehen, in Asien, Afrika oder Osteuropa. Es ist unsere Aufgabe, neue Entscheidungen, die von Hoffnung getragen sind, zu treffen - mit Maria und gemäß ihrem Stil.
Ab und zu erhalten wir direkt oder indirekt Hinweise, Kritik oder Vorschläge von Brüdern und Schwestern, die sich zweifelsohne um die Zukunft des Ordens sorgen. Einige Kritiken sind sehr ironisch, andere einseitig, andere aufbauend und wieder andere widersprüchlich. Wir können nicht immer auf alle eingehen, aber wir versichern euch, dass sie uns nicht gleichgültig sind, dass wir sie präsent halten, dass wir versuchen, sie nachzuprüfen. Ich denke immer, dass wir uns vor allem auf die offenen und aufbauenden Kritiken konzentrieren sollen, auf die weniger „kirchtumpolitischen" - denn unsere Familie ist keine nur regionale -, auf die, die nicht nur ihre eigene Wirklichkeit sehen, die sie unmittelbar umgibt. Die „Basis" bilden wir alle gemeinsam, die Lösung ebenso, die Frage ist eine Frage aller und auch die Fragen müssen wir zu lieben wissen, wie der Dichter Rilke sagt, denn nicht auf alle Fragen gibt es Antworten. Wir müssen in unseren Werturteilen das Siegel der persönlichen Unfehlbarkeit meiden, vielmehr müssen wir einen kritischen, positiven Geist fördern mit machbaren und evangelischen Vorschlägen, die - angeregt von der Wirklichkeit - auf eine Zukunft hinzielen, die von einer echten Scheidung der Geister der heutigen Zeit erleuchtet ist.
Das Risiko, uns auf ein Abenteuer einzulassen, lässt mich an unsere Ursprünge denken und an den ganzen Lauf der Geschichte unseres Ordens; er lässt mich an die mendikanitsche Inspiration des Ordens denken, an den Auftrag, die evangelischen Dimensionen zu leben, nämlich die Vorläufigkeit, die Unsicherheit, die Verfügbarkeit dorthin zu gehen, wo es dringliche Ansprüche gibt (Konst. 3). Wir haben viele Lebenszeugnisse in unserem Orden, von Männern ebenso wie von Frauen, die es gewagt haben, das Risiko des Abenteuers einzugehen, und die uns heute in Erinnerung rufen, wie wichtig es ist, Gott und den Mitmenschen „Ja" zu sagen, dem Leben und den Ereignissen der Geschichte, indem wir Projekte des Glaubens in Angriff nehmen, die es uns ermöglichen, eine Zukunft mit Leben aufzubauen, ein aktuelles und freudiges Morgen, das die Frische des Evangeliums einmal mehr deutlich macht, den immer jungen Christus.
6. Noch ein Jubiläum?
Inzwischen sind wir es schon gewöhnt, Jubiläen zu feiern. Die Gedenktage gefallen uns sehr, man schreibt Bücher und qualitative wissenschaftliche Aufsätze mit engem historischem Forschungsinteresse. Wir können auf ein außerordentliches kulturelles und spirituelles Erbe aufbauen. Wenn wir jedoch einen „Geburtstag" feiern, vergessen wir manchmal uns zu fragen: Was wollen wir denn bei diesem Jubiläum feiern? Die 700 Jahre der definitiven Anerkennung unseres Ordens sollen sich nicht darauf beschränken, eine bloße Erinnerung von 700 Jahren zu sein, die eben vergangen sind seit dem Datum einer offiziellen Anerkennung seitens der Kirche. Und überhaupt, im Jahre 1304 war unser Orden immerhin schon 70 Jahre alt: 70 Jahre Entwicklung, Entscheidungen, Konstitutionen, Armutsakt, Spiritualität, herausragende Figuren aufgrund ihrer Heiligkeit und Gelehrtheit. Auf alle Fälle glaube ich, dass uns die 700 Jahre an vieles erinnern, einiges möchte ich im folgenden unterstreichen:
Dass unser Leben einen Sinn hat, der im bedeutenden und „anerkannten" Leben besteht, das sowohl in der Kirche als auch in der Gesellschaft einen Wert für die anderen hat. Ein Leben, das sich bestätigt als etwas, das anzuerkennen es sich lohnt, als etwas, was existiert hat und auch jetzt noch existiert und ein Recht hat, weiterzubestehen, besonders wenn es den Sinn seines Seins und Handelns lebendig hält, seine Identität und deren Umsetzung, seinen Vorschlag und seine Glaubwürdigkeit.
Dass unser Leben in Gemeinschaft mit der Kirche steht, in der unser Orden geboren wurde und sich entwickelt hat, denn - wie ich eingangs sagte - unser Charisma ist eine Gabe des Geistes, die die Kirche bereichert, unsere sündige und heilige, widersprüchliche und wahrhaftige, verirrte und doch ewig vom Geist geführte, kleine und universale Kirche, oft präpotent und doch wieder Werkzeug des Heiles. Innerhalb dieser Kirche müssen wir unser Charisma einbringen, müssen wir sein, was wir sind, und tun, was uns zusteht.
Dass unser Leben sich erneuert und dass vielleicht nach vielen Jahren der Mühe auf der Ebene der institutionellen und organisatorischen Neustrukturierung der Zeitpunkt gekommen ist, unser wieder mit mehr Einsatz auf die Neuqualifizierung unserer religiösen Aufgaben zu besinnen, unserer Berufung, unserer Weihe, unserer Sendung - mit einem neuen Stil, mit einer neuen Art und Weise, die zeitlosen Werte des Evangeliums und die wesentlichen Charakteristiken unseres Charismas zu leben.
Dass sich unser Leben auf seiner „Höhe" halten muss, dass wir nicht in der Achtsamkeit nachlassen noch uns der Entmutigung ergeben dürfen, der Halbherzigkeit, dem gemütlichen Leben, der Resignation. Dass es sich lohnt, unserer Berufung treu zu bleiben, in Christus verankert, in einer starken Beziehung mit dem Einzigen, der unserem Leben einen Sinn in Fülle gibt. Dass wir weiterhin bedeutsam sind dank unserer Haltung der Umkehr, unserer gelebten Liebe, unserer Kohärenz und unserer Art, wie wir die Gefühle Christi „verlängern", indem wir uns an Maria inspirieren.
Dass wir mit Hoffnung allem begegnen, was uns beunruhigt und herausfordert, etwa: unseren älteren Brüdern mit dem immensen Reichtum ihres Lebens, ihrer Erfahrungen, ihrer Talente; unseren jungen Brüdern, voller Ängste und Erwartungen; unseren Laien, mit denen wir in gegenseitiger Zusammenarbeit gemeinsam auf dem Weg sind; allen Ausdrucksformen unserer religiösen Familie OSM, die das Antlitz der ganzen marianischen Identität der Serviten bilden.
Dass wir nicht Angst haben brauchen vor dem Dialog, der Kollegialität, dem Lebensprojekt, dem Kapitel, den neuen Formen des Dienens, der Missionarität, den neuen Präsenzen, der Welt der Jugendlichen, dem Einsatz für Gerechtigkeit und Frieden, der Praxis der Barmherzigkeit, den neuen Herausforderungen der marianischen Frömmigkeit, den Statistiken, der Verringerung der finanziellen Ressourcen, der Verkleinerung der Strukturen, der immer anspruchsvoller werdenden humanistischen, wissenschaftlichen, kulturellen und theologischen Ausbildung, den neuen Formen der Leitung, den interkulturellen Gemeinschaften...
Dass unsere Familie nach 700 Jahren Zukunft hat.
Schluss
Nun will ich an ein Ende kommen. Vielleicht hätten diese Überlegungen besser ausgeführt werden können. Ich will sie so stehen lassen und hoffe, dass sie zum Nachdenken anregen und helfen. Ich glaube, dass eine neue Lektüre der Ursprünge, das zu den Quellen Gehen, die Feier dieses Jubiläums nicht nur die Vergangenheit betreffen, sondern die Zukunft. Wir können nicht weiterhin ängstlich einer Form von „statischem Fundamentalismus" verhaftet bleiben, der uns hindert, prophetischer zu sein. Das Leben, unser Leben, muss als „Traum" aufgefasst werden, als ein Projekt, und nicht nur als eine Reihe von Vorschriften oder sterilen Rubriken. Die Leidenschaft für Gott und für den Menschen der heutigen Zeit ist es, was uns motiviert in unserer Art, das Evangelium zu leben. Wir leben nicht als Selbstzweck, sondern in Funktion des Reiches, ausgehend von unserem brüderlichen Leben, einem wahrhaft brüderlichen Leben (Konst. 111). Unser Orden ist als eine Ausdrucksform des evangelisch-apostolischen Lebens entstanden, als Gemeinschaft, die im Namen des Herrn versammelt ist. Wir sind von Christus gesandt, um als lebendige Zeugen des Evangeliums zu dienen (Konst. 112); als Zeugen, nicht als Funktionäre. Der Zeuge spricht von Christus, erzählt die Geschichte des Herrn auf lebendige Weise; er „inkarniert" sie mit seinen Gefühlen, mit denen er sich gleichsam „einkleidet". Deshalb müssen wir mehr mit dem Volk und mit den Problemen der Menschen gehen und lernen, im Angesicht des anderen das Angesicht Christi zu erkennen. Dies hilft uns ganz bestimmt, viele aufgebauschte Probleme zu „ent-dramatisieren", Probleme, die wir haben oder die wir uns innerhalb unserer Gemeinschaften, Provinzen und der ganzen Ordensfamilie selber machen. Es wird uns helfen, aus unserem verbürgerlichten Leben auszubrechen, das ohne Risiken ist und uns vergessen lässt, dass wir Christus gleichgestaltet werden müssen, der kam, um zu dienen und sein Leben für die anderen hinzugeben (Konst. 2). Es wird uns helfen, barmherziger zu sein - dies ist ja ein Charakteristikum unseres Ordens (Konst. 52) -, damit wir uns mit Ehrfurcht hinabneigen können zur menschlichen Not, um sie aus ihrer Lage des Hingefallenseins zu befreien.
Auf diesem Weg gibt es einen Menschen, der uns die Hand reicht: Vom Anfang des Ordens an haben wir uns ihr geweiht, der vom Allerhöchtsten Gesegneten; wir inspirieren uns an ihr, der Mutter und Magd des Herrn; wir haben von ihr gelernt, der demütigen Frau; wir haben sie verehrt, weil sie unsere Herrin ist; wir haben versucht, sie nachzuahmen, weil sie ein großes Beispiel eines betenden Geschöpfs ist; vor allem war und ist sie das Bildnis, das uns anleitet in unserem Diensteinsatz, in unserem Wunsch, bei den Füßen der unzähligen Kreuze zu stehen, an denen der Menschensohn auch heute noch in seinen Schwestern und Brüdern gekreuzigt ist.
Möge der Herr uns Weisheit und Unterscheidungsgeist schenken, und möge Maria uns immer den Weg weisen, der zu Christus führt.
Aus unserem Kloster San Marcello de Urbe,
15. Jänner 2004,
Gedenktag des seligen Jakob de Villa, des Almosengebers.
Fr. Ángel M. Ruiz Garnica,
o.s.m.